More Planets less Pain

Ausstellung: Kunsthalle Erfurt / ACC Galerie Weimar / 06.03.2022 11:00 – 01.05.2022

Was weiß die Kunst? Auf welche Weise findet sie es heraus? Und wie gibt sie ihr Wissen weiter? Diese Fragen stellen sich im Arbeitsfeld der künstlerischen Forschung. Die in der Kunsthalle Erfurt und in der ACC Galerie Weimar stattfindende und von Anne Brannys kuratierte Ausstellung präsentiert zehn künstlerische Positionen von Promovierenden und Alumni des PhD-Studiengangs für Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar.


Beteiligte Künstlerinnen: Francis Hunger, Edith Kollath, Lukas Kretschmer, Jeanne Lefin, María Linares, Barbara Marcel, Emanuel Mathias, Grit Ruhland, Markus Schlaffke, Katja Marie Voigt

Kabul Klavier, 2022. Rauminstallation.
Die Fotografien von zerstörten Instrumenten in den Räumen des afghanischen Rundfunks, die nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 bekannt wurden, sind Anlass für eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir solche Konfliktbilder betrachten. Im September 2021 wurden die zerstörten Instrumente, darunter zwei Konzertflügel, von einem britischen Journalisten fotografiert und auf Twitter geteilt. Die Taliban hatten aber nie die Verantwortung für den Zerstörungsakt übernommen.
Die Art und Weise, in der die Instrumente unkommentiert, aber unübersehbar, für eine weltweite Öffentlichkeit drapiert waren, versetzt uns gezwungenermaßen in einen voyeuristischen Modus, in dem wir, wie Susan Sontag es ausdrückt, »das Leiden anderer betrachten«. Das Bild der zerstörten Klaviere ist nach ikonografischen Gesetzen konstruiert und gehorcht den Regeln einer Ästhetik des Leidens, welche unsere Kategorien des Ethischen und Ästhetischen provoziert. Dieses Bild beunruhigt einige unserer ideologischen Gewissheiten im Afghanistankonflikt. Das Klavier in Kabul soll aufrütteln, verschrecken oder zum Handeln motivieren und erfüllt in seiner Ambiguität einige der Erwartungen, die wir gemeinhin an Kunstwerke richten.
Angesichts dieser Situation frage ich mich, ob das ikonoklastische Arrangement im Kabuler Rundfunkstudio in Wirklichkeit tatsächlich ein Kunstwerk ist – ein subversiv geplantes autodestruktives Bild, das in seiner ganzen ikonografischen Komplexität wahrgenommen werden sollte und das von seinen anonymen Autoren darauf angelegt war, genau zu diesem Zweck geteilt und verbreitet zu werden.

Gedächtnisstützen

Das Schicksal des Kabuler Musikerviertels Kucheh Kharabat ist Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Fragen des kollektiven Gedächtnisses, musikalischen Erinnerungspraktiken und Sound-Archiven in Afghanistan.
Das Musikerviertel Kabuls wurde 1860 gegründet, stand 1879 im zweiten anglo-afghanischen Krieg erstmals in der geopolitischen Schusslinie, wurde 1982 während des Bürgerkriegs zerstört, während des ersten Taliban-Regimes aufgelöst, 2001 revitalisiert und ist gegenwärtig wieder von musikfeindlichen Restriktionen des neuen Taliban-Regimes betroffen. Während sich die afghanische Musikproduktion in den Jahrzehnten des Dauerkonflikts fragmentiert, internationalisiert und digitalisiert hat, ist die Kucheh Kharabat ein imaginäres Zentrum für die musikalische Erinnerung Afghanistans geblieben. Der Ort ist auf diese Weise ein Referenzpunkt des auditiven Gedächtnis – eine Rahmung für orale Überlieferungen, aber ebenso ein Medium in der neuen Migrationswirklichkeit von afghanischen Künstlern, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.
In dieser Arbeit zeigt Markus Schlaffke einige laufende Forschungen und Methoden, mit denen er einen neuen Modus der künstlerischen Involvierung mit dem „Soundarchiv“ Afghanistan herstellt. Er nutzt dazu Memo-Experimente, Aufnahmetechniken, Kartografien und Videodokumentationen, um das musikalische Ortsgedächtnis Kabuls zu aktivieren.

Klangspur, Zwei Phonographenwalzen, 2021, Zelluloid, 5,5cm x10,5 cm

Das Haus meines Vaters, 2021, Videodokumentation