Identifikation von muslimischen Grablagen auf dem Kriegsgefangenenfriedhof Zehrensdorf

Auf dem Kriegsgefangenenfriedhof Zehrensdorf südlich von Berlin sind über 400 verstorbene, größtenteils muslimische Soldaten der zaristischen Armee bestattet, die im ersten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Der Friedhof ist ein wichtiges Zeugnis für die Verwicklungsgeschichte der kolonialen Imperien im ersten Weltkrieg und für die europäische Auseinandersetzung mit dem Islam im beginnenden 20. Jahrhundert. Als der Zehrensdorfer Friedhof Anfang der 2000er Jahre restauriert wurde, war es aufgrund der dünnen Quellenlage nicht möglich, die Positionen aller Einzelgräber zu identifizieren und namentlich zu markieren. Neue Recherchen und die Synchronisierung von bisher unverbunden Archiven haben Quellen ans Licht gebracht, welche nun eine umfassende Rekonstruktion der Grablagen ermöglichen.

Die Recherchen zu diesem Projekt laufen seit 2021 in Zusammenarbeit mit Dr. Gerdien Jonker (Erlangen Zentrum für Islam und Recht in Europa) und Dr. Marat Gibatdinov, Deputy Director, Marjani Institute for History under Tatarstan Academy of Sciences Kazan.
Die vollständige Fassung dieses Artikels ist veröffentlicht in:

https://historicalethnology.org/journal/2022-t7-n3/

Koordinaten des 20. Jahrhunderts

40 Kilometer südlich von Berlin liegt in einem kleinen Waldstück in der Nähe von Zossen der „Ehrenfriedhof Zehrensdorf“. Hier sind ca. eintausend verstorbene Kriegsgefangene aus dem ersten Weltkrieg bestattet. Es handelt sich um nordafrikanische und indische Kolonialsoldaten, die für die französische und britische Armee in Europa gekämpft hatten, sowie um georgische, armenische, tatarische und baschkirische Angehörige des russischen Heeres. Die allermeisten von ihnen waren Muslime. Die deutsche Militärführung hatte sie seit Ende 1914 gezielt in zwei Sonderlagern in der Nähe von Zossen zusammengefasst, um sie dort mit propagandistischen Mitteln zu bewegen, für die Achsenmächte Partei zu ergreifen; einen „heiligen Krieg“ in den Kolonien der deutschen Kriegsgegner zu entfachen oder in die verbündete Armee des osmanischen Reichs einzutreten. Nur wenige der muslimischen Gefangenen in den deutschen Speziallagern kamen in diesem Ihnen zugedachten Sinn zum Einsatz. Tausend hingegen starben im Verlauf der fünf Kriegsjahre unter den schwierigen Lebensbedingungen der Lager und wurden im sandigen Brandenburger Boden bestattet.

Der Friedhof ist in zwanzig alphabetisch geordnete Grabfelder und drei nationale Sektionen gegliedert. Das gerade mal 60x130m messende Feld liegt im Raster einschneidender Koordinaten des 20. Jahrhunderts: Während des ersten Weltkriegs war Zossen das Stammlager des deutschen Heeres, im zweiten Weltkrieg befand sich dort der Nachrichten-Führungsbunker der Wehrmacht und während des kalten Krieges richtete die Rote Armee an gleicher Stelle ihr Zentralkommando in der DDR ein. Ein Jahrhundert lang war die Gegend um Zossen ein globales militärisches Drehkreuz. Dichte Sedimente der kriegerischen Weltgeschichte haben sich so auf dem Zehrensdorfer Friedhof abgelagert. Eingebettet darin liegt ein Teil der Erinnerung an die politische Mobilisierung des Islam.

Nationale Markierungen/Imperiale Matrix

Von Anfang an war der Zehrensdorfer Friedhof Gegenstand erinnerungspolitischer Symbolik. Denn die verstorbenen Gefangenen wurden von den deutschen Militärbehörden nicht notdürftig verscharrt. Als sich abzeichnete, dass der Krieg Weihnachten 1914 nicht enden würde und dass das Sterben in den Lagern weitergehen würde, zog auf der zunächst provisorisch eingerichteten Ruhestätte militärische deutsche Ordnung ein. Die Toten wurden sorgfältig nach Nationalitäten geordnet, teilweise dazu wieder umgebettet und auf den Grabsteinen wurde ihr religiöses Bekenntnis demonstrativ markiert, ganz so, als würde man sich noch im Tod ihrer Loyalität zu Nation, Regiment, Kriegspartei und Religion versichern wollen.

„Indian Cemetery“

Nach dem Ende des Krieges markierten die Siegermächte ihre nationalen Ansprüche an das Gedenken auf dem Zehrensdorfer Friedhof. Die britische Kriegsgräberfürsorge beeilte sich, ihre Zuständigkeit für die Gräber der indischen Kolonialsoldaten wahrzunehmen. 1921 führte sie eine sorgfältige Bestandsaufnahme durch, kartografierte die Lage „ihrer“ Gräber, ließ diese Sektion des Friedhofs aufwändig gärtnerisch gestalten, errichtete marmorne Grabsteine und ein Mahnmal. Die französische Regierung wiederum verfuhr mit ihren muslimischen Toten auf andere Weise. Sie beließ deren Gedenken nicht in den Händen der Deutschen, sondern ließ 1924 alle Franzosen inklusive ihrer arabischen Kolonialsoldaten exhumieren und auf den Kriegsgräberfriedhof Neuve-Chapelle überführen.

Die russische Kriegspartei schließlich hatte mit dem Ende des Zarenreichs in der Revolution aufgehört zu existieren. Niemand erhob mehr Anspruch auf die Gräber der Tataren, Baschkiren und Georgier, die im Dienst der zaristischen Armee gestorben waren. Als nach 1945 wieder russische Soldaten in der Gegend um Zossen präsent waren, nutzen sie das Friedhofsgelände als Panzerübungsplatz. Nach dem Abzug der Sowjetarmee 1994 war der Friedhof vollkommen verwüstet und von der Natur zurückerobert.

Asymmetrische Restaurierung

2002 beschloss die deutsche Bundesregierung die landschaftsgärtnerische Restaurierung und Instandsetzung des Zehrensdorfer Friedhofs als Gedenkort. Die zuständigen Brandenburger Behörden gaben in der Vorbereitung eine Bildrecherche in Auftrag. Dabei wurde man der prekären Dokumentenlage gewahr. Eine Handvoll historischer Fotografien konnten ausfindig gemacht werden. Die meisten waren vergilbt und unscharf, einzelne Namen auf den Grabsteinen waren kaum zu erkennen. Die Pläne der britischen Kommission aus den 1920er Jahren wiederum hatten zwar die Gesamtanlage des Friedhofs erfasst, wiesen aber einen gravierenden Mangel auf: Die Briten hatten jedes einzelne „ihrer“ Gräber sorgfältig kartografiert, für den übrigen Teil außerhalb ihrer Zuständigkeit jedoch einen großen weißen Fleck hinterlassen. Daher konnte die Commonwealth Wargrave Commission 2005 ihren Teil des Friedhofs im Zustand von 1924 wiederherstellen. Für das übrige Areal kam man zum Schluss, dass die ursprüngliche Ordnung sich nicht mehr rekonstruieren lasse, weil die zweifelsfreie Identifikation der Einzelgrablagen nicht möglich war. Man entschied daher, die Namen aller in den Gräberlisten verzeichneten Verstorbenen auf einem zentralen Mahnmal festzuhalten und so an „alle Toten von Krieg und Unrechtsregime“ zu erinnern.

Heute sticht die Asymmetrie der Restaurierung ins Auge: auf der einen Seite der „Indian Cemetery“ mit den leuchtenden schnurgeraden Linien der britisch-indischen Grabsteine, sauber in Devanagari und Urdu beschriftet, die Rasenfläche akkurat gepflegt. Auf der anderen Seite verschwimmen die nationalen Zugehörigkeiten, Namen und Religionen der Toten zu einer irgendwie „russischen“ Anwesenheit. Wie führt man sich vor Augen, dass hier im Abstand von 1,20m die sterblichen Überreste von vierhundert muslimischen Soldaten liegen, die aus allen Enden (aus allen kolonialen Peripherien) des russischen Imperiums stammten, in ebensolchen akkurat gezogenen Reihen wie auf der britischen Seite des Friedhofs?

Re-Konstruktion

2022 unternahmen Dr. Marat Gibatdinov, Dr. Gerdien Jonker und der Autor im Rahmen ihrer laufenden Forschungen einen Abgleich von Archivmaterialien vor.

Dabei kamen eine Reihe von Dokumenten zum Vorschein, die bei den Restaurierungsarbeiten keine Berücksichtigung gefunden hatten. Neben der Bilddokumentation von 2002 wurden insbesondere die Akten des Auswärtigen Amtes mit den Protokollen der Lagerkommandantur; die Zehrensdorfer Hauptgräberlisten; die Bestandsaufnahmen der Commonwealth Wargrave Commission und einzelne Fotografien aus der Sammlung des Marjani Institute for History under Tatarstan Academy of Sciences mit Blick auf ein umfassenderes Verständnis der Zehrensdorfer Friedhofspraktiken erneut gesichtet. Dabei wurde auch überprüft, ob sich im Bereich des Friedhofs mit den Kriegsgefangenengräbern aus dem ersten Weltkrieg eine systematische Ordnung der Grabstätten nachweisen lässt und ob sich die genauen Positionen der einzelnen Gräber zweifelsfrei identifizieren lassen.

Im Zuge der Recherchearbeiten zur Geschichte des Zehrensdorfer Friedhofs konnten die genauen Positionen von über 400 tatarischen Einzelgräbern mit großer Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. Das Rekapitulieren der Ordnung von Grabfeldern, Nummern und Namenslisten – das imaginäre Rückwärtsverfolgen der Lager- und Bestattungs-Bürokratie bringt uns am Ende wieder zu den Menschen zurück, die einen Geburtsort, ein Todesdatum und einen Namen hatten.